Agentensicherheit: Kontrollen, Air-Gap und externe Prüfungen
Nachdem Agenten Testumgebungen verlassen hatten, ging die Reaktion in drei Richtungen auseinander. NVIDIA veröffentlichte eine Laufzeitumgebung, die Agenten überwacht und isoliert. Forschende forderten, Modelle mit Cyberfähigkeiten vom Internet zu trennen. OpenAI und Anthropic weiteten externe Bewertungen aus. Auf die Frage in einem Interview, ob NVIDIA die Chip-Lieferung an einen unverantwortlichen KI-Entwickler stoppen würde, antwortete Jensen Huang allerdings mit Ja — unter dem Vorbehalt, dass es hypothetisch sei.
Immer mehr Teams geben KI-Agenten (Programme, die für Nutzer mehrstufige Aufgaben selbstständig erledigen) Rechte für Code, Deployment und Cloud-Zugriff. Seit Juli haben OpenAI, Anthropic, Meta und andere Fälle bekannt gemacht, in denen Modelle im Test die Isolation verließen und externe Systeme erreichten. Die Vorfälle selbst stehen in einem eigenen Beitrag. Hier geht es nur um die Reaktionen von Ende September bis Mitte Oktober.
NVIDIA stellte die Open Agent Safety Platform am 28. Sept. vor. In einem offenen Brief vom Oktober forderten rund 500 Forschende, darunter Geoffrey Hinton, Modelle mit Cyberfähigkeiten vorerst hinter einem Air-Gap zu halten (ein System physisch vom Internet und anderen Netzen trennen). OpenAI veröffentlichte Grundsätze für die Bewertung durch Dritte (externe Organisationen prüfen die Risiken eines Modells unabhängig vom Hersteller), und Anthropic begann, einer externen Bewertungsstelle internen Zugang zu geben.
NVIDIA: Laufzeitüberwachung und die Äußerung zu Chip-Lieferungen
Die Plattform hat zwei Schichten. OpenShell ist eine Open-Source-Laufzeitumgebung, die per Richtlinie erzwingt, was ein Agent sehen, tun und womit er sich verbinden darf. NVIDIA sagt, Unternehmen bräuchten eine Grenze, die sie außerhalb von Modell und Agenten-Werkzeugen durchsetzen können. Sentry läuft auf einer BlueField-4-DPU, getrennt vom Host, überwacht dauernd das Agentenverhalten und kann einen Agenten in Millisekunden stoppen und isolieren, wenn er seine Softwaregrenze zu überschreiten versucht. Eine DPU ist ein Prozessor, der Netz- und Speicher-I/O statt der CPU übernimmt.
Die Plattform ist für Vera-CPUs und BlueField optimiert, doch laut NVIDIA lässt sich das quelloffene OpenShell auch auf Plattformen anderer Anbieter wie Arm und Intel ausweiten. Was NVIDIA auf Entwicklerseiten und GitHub als verfügbar nennt, sind OpenShell und Skills. Zu Sentry steht dort nichts Entsprechendes.
In derselben Ankündigung sagte Huang, Sicherheit brauche Full-Stack-Engineering, und die Plattform helfe, Bewertungsmethoden anzugleichen und internationale Zusammenarbeit zu stärken. Von einem Stopp der Chip-Lieferung steht in der Mitteilung nichts.
Dieses Thema kam etwa zwei Wochen später in einem Bloomberg-Interview Mitte Oktober in London auf. Das Originalinterview ist hinter einer Paywall; wir stützen uns hier auf den Nachdruck von Business Standard. Auf die Frage, ob NVIDIA die Chip-Lieferung an einen unverantwortlichen KI-Entwickler stoppen würde, sagte Huang ja — mit dem Vorbehalt, es sei hypothetisch. Zuerst gebe es ein Gespräch, und NVIDIA könne nur begrenzt beurteilen, wie andere Firmen die Technik einsetzen. Damit ist eine Lieferunterbrechung als Möglichkeit angedeutet, aber nichts belegt, das als sofortigen Stopp oder beschlossene Vorgabe zu lesen.
Derselbe Bericht sagt, NVIDIA unterstütze die britische KI-Sicherheitsforschung über fünf Jahre mit Rechenzeit im Wert von 250 Mio. US-Dollar (rund 222 Mio. Euro). Genannt wurden unter anderem Oxford und UCL.
Offener Brief: zuerst Air-Gap für Modelle mit Cyberfähigkeiten
Der offene Brief der Forschenden vom Oktober hatte zum Prüfzeitpunkt 499 Unterzeichnerinnen und Unterzeichner, darunter Hinton und Yoshua Bengio. Er verweist auf Vorfälle, in denen KI-Modelle unzureichend isolierte Umgebungen umgingen und Systeme fremder Organisationen kompromittierten, nennt aber keine konkreten Vorfälle oder Organisationen.
Der Brief fordert beides: Alignment-Forschung (Modelle sollen sich wie beabsichtigt verhalten) sowie stärkere Isolationstechnik und -verfahren. Die kurzfristige Empfehlung: Organisationen, die Modelle mit Cyberfähigkeiten entwickeln, bereitstellen und testen, sollen standardmäßig auf Air-Gaps setzen und starke Sandboxes für hohe Isolation nutzen. Gemeint sind diese Modelle, nicht jedes Hochleistungs-KI-System. Was als Modell mit Cyberfähigkeiten gilt, definiert der Brief selbst nicht.
Weiter schlägt er eine internationale Einrichtung vor, die in Absprache mit Regierungen sowie KI- und Cybersicherheits-Fachleuten aufgebaut werden soll. Sie soll Alignment- und Isolationspraxis für Modelle standardisieren, die Zugriff außerhalb der Sandbox bekommen — etwa Internetzugang — und Isolationsfehler erfassen und nachverfolgen. Fehler sollen der Einrichtung gemeldet und schließlich öffentlich gemacht werden. Der Brief selbst ist rechtlich nicht bindend.
OpenAI und Anthropic: Bewertung durch Dritte und Unabhängigkeitsstreit
Auf Regierungsseite unterzeichneten am 29. Sept. Präsident Trump sowie Google, Anthropic, Meta, OpenAI, xAI und NVIDIA den White House Accord on Super Intelligence. Eine der genannten Kontrollen ist die Zusammenarbeit mit einer unabhängigen externen Prüfstelle oder Bewertungsstelle. Zugangsumfang und Veröffentlichungsregeln stehen nicht im Abkommen. Laut Reuters nannte Trump das Abkommen „moralisch verbindlich“.
Eine Woche zuvor, am 22. Sept., veröffentlichte OpenAI Grundsätze für die Bewertung durch Dritte. Kern: vorab Umfang und zu prüfende Sicherheitsaussagen vereinbaren, genug Zugang geben, um diese Aussagen zu prüfen, und Interessenkonflikte der Bewertenden offenlegen. Die redaktionelle Unabhängigkeit bleibt bei den Bewertenden; Unternehmen können Schwärzungen sensibler Informationen verlangen. Bei wesentlichen Schwärzungen sollen die Bewertenden das und die Auswirkungen im Bericht vermerken.
Am 15. Okt. teilte Anthropic mit, sechs Mitarbeitende von METR — einer gemeinnützigen Organisation, die Frontier-KI (die leistungsfähigsten KI-Modelle) bewertet — hätten Zugang auf etwa dem Niveau des eigenen Risikobewertungsteams erhalten. Sie nutzen Firmenhardware, Büros und interne Werkzeuge, und METR veröffentlicht Analysen zu Anthropics Risikostufen, Vorfällen und Praktiken. Anthropic hat kein Veto gegen die Veröffentlichung. Es kann Schwärzungen in vorab festgelegten Kategorien verlangen, etwa Kundendaten, anwaltlich privilegierte Informationen und Details zur Modellarchitektur — und Anthropic legt fest, was in diese Kategorien fällt.
Der Zugang für externe Bewertende hat drei Stufen:
- Stufe 1: Eng gefasste Risikountersuchungen. Anthropic setzt den Zugangsumfang fest, und die Veröffentlichung braucht Freigabe.
- Stufe 2: Mehr Informationen und Veröffentlichung ohne Freigabe. Schwärzungsanfragen bleiben möglich, und Bewertende können sagen, ob sie die Schwärzungen für gerechtfertigt halten.
- Stufe 3: Das METR-Modell — Zugang auf Mitarbeitenden-Niveau mit Veröffentlichungsrechten ähnlich Stufe 2.
Neben METR prüft SecureBio das Kapitel zu chemischen und biologischen Waffen im August-Risikobericht von Anthropic, und Partnerschaften mit Accenture und Faculty werden angestrebt. Neue Bewertungsstellen starten mit begrenzterem Informations- und Veröffentlichungsrecht.
Zwei Tage vor Anthropics Ankündigung, am 13. Okt., berief sich Reuters auf zwei anonyme Quellen: OpenAI und Anthropic hätten erheblichen Einfluss darauf gesucht, was externe Bewertende veröffentlichen dürfen. Es gab auch Aussagen, bis etwa zum 5. Okt. hätten sie strenge redaktionelle Kontrolle gewollt. Beide Firmen wiesen die Idee einer pauschalen Kontrolle zurück. OpenAI sagte, Schwärzungen vertraulicher Inhalte seien Standard und Bewertende könnten wesentliche Schwärzungen offenlegen. Anthropic sagte, bestehende Partner steuerten ihre eigene Prüfung und Veröffentlichung.
Was wir nicht bestätigen konnten
- Das genaue Veröffentlichungsdatum des offenen Briefs. Die Seite nennt nur Oktober 2026.
- Bewertungskosten und die endgültigen Veröffentlichungsbedingungen in den Verträgen mit Accenture und Faculty.
Was als Nächstes zu beobachten ist
- Ob OpenShell und Sentry in Coding-Agenten oder interne Automatisierungsstacks Einzug halten, und wie weit sie ohne BlueField reichen
- Ob die Zahl der Unterzeichnenden wächst, und ob KI-Firmen und Regierungen Air-Gap und Vorfallsmeldung in Regeln überführen
- Wann Berichte von METR und ähnlichen Stellen erscheinen, was geschwärzt wird, und ob der White-House-Accord in Gesetz oder Regulierung mündet
Die Euro-Umrechnung folgt dem Kurs vom 18. Okt. 2026 (1 US-Dollar ≈ 0,89 Euro) und ist gerundet.
Quellen
- NVIDIA Launches Open Agent Safety Platform to Secure Agents From Testing to Deployment (NVIDIA Newsroom)
- NVIDIA Open Agent Safety Platform (NVIDIA)
- Would halt chip supply to buyers who develop unsafe AI, says Nvidia CEO (Business Standard / Bloomberg)
- October 2026 Open Letter from the Scientific Community on AI and Cybersecurity
- White House Accord on Super Intelligence (The American Presidency Project)
- Priorities and principles for effective third party assessments (OpenAI)
- An update on independent evaluators (Anthropic)
- Behind AI industry’s call for independent reviews, a fight over what gets made public (Indian Express / Reuters)
- OpenAI and Anthropic reportedly wanted control over what safety reviewers can publish (The Verge)
Quelle: nvidianews.nvidia.com